Der Geschichtsunterricht ermöglicht Schülerinnen und Schülern sich mit den politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen, die das Leben der Menschen in der Vergangenheit bestimmt haben, zu beschäftigen. So können die Heranwachsenden sich darüber klar werden, dass der Mensch und die ihn umgebende Welt nur aus der Geschichte heraus zu erklären und zu begreifen sind. Durch die historische Bildung wird die Kompetenz erworben, die geschichtliche Begründung der menschlichen Existenz zu erkennen. Die Beschäftigung mit Geschichte bedeutet, vergangene Zeiten zu rekonstruieren und die bestehenden Zustände auf die Bedingungen ihres Werdens zurückzuführen. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich die Standort- und Zeitgebundenheit des Lebens und Denkens bewusst machen, sich mit alternativen Handlungsmöglichkeiten in der Geschichte auseinander setzen, Perspektiven gewinnen, ihre Urteilsfähigkeit schulen und ihre Zukunft gestalten lernen.
Dies soll den Geist der Toleranz und Offenheit sowie die Einsicht in den Wert einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaftsordnung fördern.
Hohe Bedeutung kommt hierbei der Herausbildung der europäischen Identität zu, ihr soll bei der Behandlung aller historischen Epochen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Der Geschichtsunterricht regt zu selbstständigem Denken und Handeln an. Er ist aber nicht nur Arbeits- und Denkunterricht, sondern ermöglicht auch emotionale Zugänge.
Angestrebte Kompetenzen sind die Narrativität als ein wesentliches, an der Kompetenz des Erzählens anknüpfendes Element historischer Rekonstruktion und Ergebnispräsentation sowie die Fähigkeit zu Kritik, Argumentation, Urteilsbildung und Präsentation auf der Grundlage des fachgerechten Umgangs mit Quellen und Darstellungen.
Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und soziales Handeln sollen innerhalb und außerhalb des Unterrichts gleichermaßen gefördert werden. Verschiedenen Arten der Gruppenarbeit sowie allen Formen offenen Unterrichts kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.
Prinzipien des Unterrichts sind Problemorientierung, Multikausalität, Multiperspektivität, Kontroversität und Fremdverstehen auf der Basis der Anschaulichkeit, der Altersgemäßheit und der individuellen Voraussetzungen der Lernenden. Eine besondere Rolle spielt die Kooperation mit benachbarten Fächern, die anzustreben ist, wo immer dies möglich ist.
Der Erwerb von grundlegendem Wissen über wesentliche Ereignisse, Personen, Entwicklungen, Strukturen, Begriffe und Epochen der regionalen, nationalen und europäischen Geschichte sowie der Weltgeschichte ist im Geschichtsunterricht unverzichtbar.
Das Grundwissen soll nicht isoliert gelernt werden, sondern historischen Zusammenhängen zugeordnet werden können. Die unter den Kompetenzen und Inhalten genannten Daten und Begriffe sind als Ergänzungen und Präzisierungen der Bildungsstandards zu verstehen.
Themen und Zeugnisse der Lokal- und Regionalgeschichte sind in besonderer Weise zu berücksichtigen, weil sie sowohl das historische Interesse am eigenen Lebensraum fördern als auch Ausgangspunkt übergreifender Untersuchungen und Erkenntnisse sein können.
- Die Vielzahl historischer Inhalte verlangt eine Reduktion auf Wesentliches, das sich an folgenden Fragen an die Geschichte orientiert:
- • Knüpfen die Inhalte an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler an?
- • Nehmen sie Begreifbares und Überschaubares in den Blick?
- • Sind die Inhalte geeignet, Verständnis für die jeweilige historische Wirklichkeit zu ermöglichen?
- • Erlauben die Inhalte eine grundsätzliche beziehungsweise historisch bedeutsame Erkenntnis?
- • Ermöglichen sie eine sinnvolle Einordnung von Ereignissen in übergreifende Zusammenhänge?
- • Gehen sie auf elementare Lebenserfahrungen ein?
- • Berücksichtigen sie das kulturelle und kollektive Gedächtnis der Gesellschaft?
- • Sind sie für die Entwicklung von wertorientiertem Handeln geeignet?
Die Sekundarstufe I soll das Bewusstsein der Zeit vermitteln und ordnet die Inhalte deshalb chronologisch an.
Der Geschichtsunterricht der gymnasialen Oberstufe verfolgt das Ziel, ein Geschichtsbewusstsein zu fördern, das zur Reflexion befähigt.
Die in den einzelnen Klassenstufen thematisierten Inhalte müssen mit Zielperspektiven aus den Bereichen fachspezifischer Arbeitsweisen und Methoden sowie angestrebter sozialer und personaler Kompetenz verknüpft werden.
Kenntnisse und Fertigkeiten fachspezifischer methodischer Kompetenzen müssen in allen Klassenstufen vermittelt beziehungsweise vorausgesetzt werden. Dazu gehört, dass die Schülerinnen und Schüler eigenständig recherchieren, indem sie themen- und problemorientiert auf geeignete Informationsquellen – zum Beispiel Bibliothek oder Archiv – zurückgreifen. Sie werten Karten-, Bild-, Film- und Tonmaterial aus und können die neuen Medien angemessen, aber auch kritisch als Werkzeug im Unterricht nutzen, um Informationen zu gewinnen, zu bearbeiten und auszuwerten. Bei der Analyse schriftlicher Quellen erkennen sie deren Standortgebundenheit. Sie erfassen, strukturieren und bewerten Aussagen fachwissenschaftlicher Texte. Die Schülerinnen und Schüler kennen Formen traditioneller und computergestützter Präsentation und können diese in der den jeweiligen Arbeitsergebnissen angemessenen Weise anwenden. In der Auseinandersetzung mit Rechercheergebnissen, Quellen und Darstellungen festigen sie die Fähigkeit zu multiperspektivischer Betrachtung und problemorientierter Argumentation sowie differenzierter Beurteilung historischer Entwicklungen in größeren Zusammenhängen.
STUFENSPEZIFISCHE HINWEISE KLASSE 6
Der Geschichtsunterricht beginnt mit dieser Klassenstufe. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich in einem Alter, in dem historische Neugier geweckt ist und Fragen zur Vergangenheit gestellt werden. Dabei zeigt sich die Bereitschaft, selbstständig Wissen zu den sie interessierenden Themen zu suchen und zu sammeln.
Der Anfangsunterricht in Geschichte führt an die spezifischen Arbeits- und Erkenntnisweisen des Faches heran und soll gezielt ein frühes Geschichtsbewusstsein fördern. In dieser Altersstufe entwickelt sich das Geschichtsbewusstsein vor allem über das Zeitbewusstsein, indem die Schülerinnen und Schüler lernen, sich in der Zeit zu orientieren. Auf dieser Altersstufe befinden sich die Schülerinnen und Schüler außerdem in einem Prozess des Übergangs von einem fiktiv-imaginären zu einem zunehmend kognitiven Weltzugang. Der Geschichtsunterricht kann die Schülerinnen und Schüler bei diesem Übergang in besonderer Weise begleiten, weil er die beiden Welten durch das Prinzip der Narrativität verknüpft. Von großer Bedeutung ist daher das Wirklichkeitsbewusstsein, das es ständig zu fördern gilt. Dabei stehen Inhalte im Vordergrund, die an der Erfahrungs- und Lebenswelt der Kinder ansetzen oder sich auf diese beziehen lassen. Die Schülerinnen und Schüler können an anschaulichen Beispielen erfahren, wie die Historikerin oder der Historiker zu angemessenen Aussagen über die Vergangenheit kommt. Sie erkennen, dass kulturelle Entwicklungen unterschiedliche Antworten auf naturräumliche Voraussetzungen darstellen.
Die Schülerinnen und Schüler gewinnen eine Vorstellung kultureller Leistungen von Menschen früherer Zeiten und erkennen die Bedeutung des kulturellen Austauschs auch für ihre eigene Identitätsbildung in einer von Mobilität gekennzeichneten europäischen Gesellschaft
In der Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Klassenstufe gewinnen die Schülerinnen und Schüler eine Vorstellung vom Begriff der historischen Zeit. Sie lernen wichtige Methoden der Vorgeschichtsforschung kennen; dazu gehören Datierungsmethoden, archäologische Arbeitsweisen und der Vergleich, beispielsweise des Lebens in vorgeschichtlicher Zeit mit dem heute lebender so genannter Naturvölker.
Sie wissen, dass Rekonstruktionen nur Annäherungen an die historische Vergangenheit darstellen, indem sie an ausgewählten Beispielen erkennen, welche Aussagen man anhand archäologischer Funde treffen kann und welche nicht.
Die Schülerinnen und Schüler kennen verschiedene Formen der Überlieferung. Sie unterscheiden Überreste sowie mündliche und schriftliche Tradierung. Ein besonderer Schwerpunkt dieser Klassenstufe ist die Auswertung von Bildern.
Den Formen der Überlieferung entnehmen sie gezielt Informationen und können zwischen historischen Ursachen und Wirkungen differenzieren.
Die Schülerinnen und Schüler können mit historischen Überresten umgehen und lernen einfache Techniken historischer Spurensuche. Ihre Ergebnisse können sie unter Beachtung geordneter kausaler und temporaler Zusammenhänge narrativ wiedergeben. Sie kennen das Problem historischer Wertung.
STUFENSPEZIFISCHE HINWEISE KLASSE 8
Die in den Klassen 7 und 8 zu erwerbenden Kompetenzen bauen auf denen der Klassenstufe 6 auf. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Primär- und Sekundärquellen auf ihre Standortgebundenheit hin zu überprüfen. Sie werden in die Lage versetzt, historische Karten zu lesen, Flugblätter oder Kupferstiche zu analysieren, Statistiken auszuwerten oder zu entwerfen sowie altersgemäße Textquellen im Hinblick auf ihre Zielsetzung und den Standort des Verfassers zu interpretieren. Wichtig dabei ist eine altersgemäße Bereitstellung und Auswertung der Quellen. Damit die Schülerinnen und Schüler die notwendigen Kompetenzen erwerben, werden Unterrichtsformen bevorzugt, in denen selbstständiges Arbeiten eine wichtige Rolle spielt. Die Schülerinnen und Schüler lernen Informationen zu historischen Ereignissen in altersgemäßer Weise zu recherchieren und zu präsentieren.
In dieser Lebensphase beginnen die Jugendlichen sich verstärkt mit ihrer Identität auseinander zu setzen und suchen Orientierung in der Welt. Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen wie mit fremden Kulturen wird im Geschichtsunterricht das Identitätsbewusstsein gefördert. Die Schülerinnen und Schüler erklären historische Ereignisse in exemplarischer Weise multikausal und erkennen interessengebundene Verhaltensweisen der handelnden Personen. Eine solche Vorgehensweise schärft auch das Bewusstsein für das eigene Handeln oder Nichthandeln und fördert Kritikfähigkeit sowie die Einsicht in moralische Maßstäbe. Die Themen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler befassen, schaffen Grundlagen für die in Klasse 10 beziehungsweise in der Kursstufe vorgesehenen Themenbereiche. Viele der zu vermittelnden Inhalte sind lokal- oder regionalgeschichtlich greifbar, sodass es den Schülerinnen und Schülern möglich ist, die Historizität eigener Lebensumstände zu formulieren, in Beziehung zur Gegenwart zu setzen und so ein historisches Bewusstsein zu gewinnen. Eigene Einstellungen und Vorurteile können bewusst gemacht sowie Einsichten in den Sinn und die Funktion gesellschaftlicher und politischer Regelungen gewonnen werden. Dies dient der Entwicklung demokratischen Handelns.
STUFENSPEZIFISCHE HINWEISE KLASSE 10
Der Geschichtsunterricht in der Klasse 9 verfolgt das Ziel, die Schülerinnen und Schüler über die Beschäftigung mit den Geschehensabläufen der jüngeren Vergangenheit zu einer Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der gegenwärtigen Entwicklungen Deutschlands im internationalen Rahmen zu führen.
Die in den vorangegangenen Jahren erworbenen methodischen Kompetenzen sind zu vertiefen und auszuweiten. Bei der Analyse schriftlicher Quellen erkennen die Schülerinnen und Schüler deren Standortgebundenheit. Sie erfassen die Aussagen kleinerer Auszüge aus fachwissenschaftlichen Texten, können unter klaren Vorgaben zielgerichtet recherchieren und ihre Arbeitsergebnisse in einfacher Form präsentieren.
Während einerseits schon der Umgang mit übergreifenden Fragestellungen gefördert wird, haben andererseits konkrete Ereignisse und Situationen sowie die Geschichte des Alltags der Menschen einen dem Alter der Schülerinnen und Schüler entsprechenden Stellenwert. In diesem Zusammenhang gewinnen Personen und Ereignisse, Quellen und Zeitzeugen aus der Lokal- und Regionalgeschichte eine besondere Bedeutung, weil so historische Wirklichkeit konkret erfahrbar ist, ohne dass der Blick für eine generalisierende Betrachtung verstellt wird.
Gerade die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und deren Einordnung in den internationalen Kontext ist in besonderer Weise geeignet, die Einsicht in den Wert einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaftsordnung sowie die Verbundenheit mit dem eigenen engeren Lebensraum einerseits und die Bedeutung globaler Strukturen andererseits zu fördern.
Der chronologische Durchgang endet nach Klasse 9.
Das Thema „Europa“ in der Klasse 10 führt die Schülerinnen und Schüler zur Auseinandersetzung mit komplexeren, an der Entwicklung und Veränderung von Grundstrukturen orientierten Fragestellungen.
Die Beschäftigung mit der Vielfalt kultureller und staatlicher Entwicklungen in Europa sowie den daraus erwachsenden Formen europäischer Einheit unterstützt den Prozess der Identitätsfindung und dient dem Ziel, die Bedeutung historisch gewachsener Traditionen und funktionierender europäischer Strukturen zu vermitteln.
Wachsende Abstraktionsfähigkeit und methodische Kompetenzen ermöglichen einen selbstständigen, zielgerichteten und sachgerechten Umgang der Schülerinnen und Schüler mit Quellen, fachwissenschaftlichen Texten sowie Arbeits- und Präsentationsformen. Sie entwickeln ihre Fähigkeit zu multiperspektivischer Betrachtung und differenzierter Beurteilung historischer Entwicklungen und Sachverhalte weiter.
Damit werden sie auch zu Arbeitsformen hingeführt, die den Anforderungen der Kursstufe gerecht werden.
STUFENSPEZIFISCHE HINWEISE KURSSTUFE
Der Unterricht der Sekundarstufe II baut auf den Kompetenzen auf, die die Schüler aus der Unter- und Mittelstufe mitbringen. Dabei wird kein „zweiter Durchgang“ angestrebt, sondern eine thematische Vertiefung mithilfe von altersangemessen komplexen Kategorien wie zum Beispiel die der „Modernisierung“ in Klasse 11.
Der zeitliche Schwerpunkt liegt im 19. und 20. Jahrhundert, aber die Anlage der Inhalte und Methoden ermöglicht einen organischen Rückgriff auf die Themen der 10. Klasse von der Antike bis zur Neuzeit. Damit unternimmt der Geschichtsunterricht auch für die Nachbarfächer die Aufgabe, die Geschichtlichkeit des Menschen und seiner kulturellen Leistungen zu betrachten.
Zur Orientierung und zum Aufbau eines geordneten Wissens ist ein faktisches Basiswissen notwendig. Nur so kann die kritische Analyse eines historischen Problems im Lichte gegenwärtiger Erfahrungen und damit die Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins gelingen.
Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei, dass durch die Arbeit mit Quellen und die Rekonstruktion kein objektives, letztgültiges Geschichtsbild entsteht. Stattdessen hängen die Erkenntnisse ganz wesentlich von der Themenwahl und den Fragestellungen ab.
Die Schülerinnen und Schüler üben die Anwendung der historischen Methode und lernen auf diese Weise, rational mit Wahrheits- und Geltungsansprüchen umzugehen. Damit erlangen sie die Voraussetzung für den kritischen Umgang mit unterschiedlichen Geschichtsbildern.