Christopher Nolans neuester Kinofilm „Die Odyssee“ (Verfilmung der 24 Schriftrollen des Homer) „entfacht lebhafte Debatten“, schreibt die FAZ am 03.08.2026. Sogar „Griechenlands Regierungschef Kyriakos Mitsotakis“ habe sich nun in die Debatte eingeschaltet. Während es dabei um Fragen geht wie „Dürfen nicht griechische Schauspieler griechische Mythen spielen?“ – die „schönste Frau der Welt“ Helena wird von der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong'o („12 vears a slave“) sehr überzeugend und schauerlich gespielt ähnlich wie in der Serie „Marie Antoinette“ von 2022 auf den Hofbällen im barocken Versailles schwarze Adlige mittanzen –, haben die Heuss-Schüler/innen aus den neunten Klassen mit ihrem Lateinlehrer Herrn Ebinger im Sommer 2026 einfach einen optisch überwältigenden Kinonachmittag genossen, obwohl sie denkbar un-griechisch und un-antik leben und sich oft anhören müssen „Warum lernt ihr eine tote Sprache?“ (Immerhin einer der THG-Schüler hatte griechische Wurzeln!) Unsere Fragen drehten sich eher darum, ob Zauberin Zirze oder ob der Riese Polyphem, das Einauge, – anders als bei uns im Lateinunterricht durchgenommen – ausschließlich so unsympathische Monster waren wie in Nolans Drehbuch, oder in wie weit sie laut der Originalquelle Homer auch freundliche, menschliche Züge tragen. Zirze liebt Odysseus und lässt ihn deswegen nicht gehen (daher unser „bezirzen“). Der schreckliche Zyklop lässt anders als im Film mit sich reden und sich sympathisch lustig übertölpeln durch Alkohol und Wortspiele, nach denen Odysseus „Niemand“ heißt, auf Griechisch „Outis“. Andererseits überwältigt der Film mit epischen Landschaftsaufnahmen und Stofffülle. Empfehlenswert. Deswegen machen wir Latein: Wir eignen uns fremde Kulturen an, nicht als imperialistische, kolonialistische Mode-Erscheinung oder zum Geldverdienen (so der Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ – Wikipedia nennt hier den Kunsthistoriker Kenneth Coutts-Smith 1976 als Ausgangspunkt –, dass zum Beispiel jemand Weißes sich Rasta-Locken zulegt und mit diesem „Image“ steinreich wird), wir eigenen uns diese Kulturen mühsam-begeistert an, auch wenn sie im Latein-Unterricht Tausende Jahre und Tausende Kilometer entfernt sind! Dank der römischen Schriftkultur (und der der Klöster) haben wir überhaupt die faszinierenden Texte von Homer noch vorliegen. Und Homer gehört nicht nur den Griechen, sondern uns allen, und er hat diese „kulturelle Aneignung“ (cultural appropriation, lateinisches Englisch mal wieder) für unsere Zeit verdient! Danke fürs Organisieren an Azra aus der 9c!
Christian Ebinger, 04. August 2026

